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Erzählung: Die Wallfahrt nach Bornhofen von Jakob Kneip In den Leiden des Dreißigjährigen Krieges, zu denen noch die Pest gekommen war, hatten unsere Vorfahren die Wallfahrt nach Bornhofen gelobt. Darüber wusste uns der Großvater zu berichten An Maria Heimsuchung wurde das Wallfahrtsgelübde alljährlich erfüllt. Der Tag fiel mitten in die Heuernte. Aber kein Haus durfte fehlen. Es war allemal ein besonderes Ereignis, und wir Kinder erlebten alle Vorbereitungen mit. Vor Sonnenaufgang schon läuteten dann die Glocken; die große Prozession zog mit Kreuz und Fahne unter dem Gesang alter Wallfahrtslieder aus dem Dorf nach Osten, der Sonne entgegen über die Berge zum Rhein. Drei Stunden rechnete man für diesen Weg. Doch weit wichtiger war für uns Kinder dann die Heim kehr der Pilger. Wenn hinter dem Dorf die Sonne sank, liefen wir ihnen bis zum Ehrbachtal entgegen. Wir wussten, irgendeine Gabe brachte man den Kindern in der großen Pilgertasche mit und sollte es auch nur eine Hand voll Johannisbrot oder eine Tüte mit Mandeln oder Süßigkeiten sein - wir waren gar nicht verwöhnt. Die Mädchen warteten dann auf die Pilger drunten bei der Brücke, die über den Ehrbach führte, wir Buben aber kletterten auf die Felsen oder gar auf die Tannen, um die Pilger möglichst früh zu erspähen. Und wenn endlich über dem Tal ihr Gesang erscholl, hüpfte das Herz vor Erwartung und Freude. Im Tal, bei der Brücke, machten die Heimkehrenden letzte Rast. Und hier taten sich die Pilgertaschen auf, und es gab herrliche Überraschungen wie am Weihnachtsabend. Dann reihten wir uns in die Prozession, die ermüdet den Berg hinaufstieg, und wenn hinter dem Waldsaum die Kirchturmspitze wieder auftauchte, liefen die größten Buben der Prozession voraus, um die Glocken zu läuten. Gar stürmisch war ihr Geläute an solchem Abend; unser Herz schwang darin mit. Und sie läuteten so lange, bis die Prozession in die Kirche eingezogen war. So war Bornhofen auch mir schon früh als einer der anziehendsten und weihevollsten Orte meiner kleinen Welt erschienen, der von Jahr zu Jahr lebhafter meine Phantasie erfüllte. Boppard war unsere nächste Stadt; davon hatten wir viel gehört. Dann kam der Rhein, über den die Pilger fuhren. Und weiter erzählten uns Vater und Großvater von den Schiffen auf dem Rhein, den großen Kirchen, den Bergen und von den Burgen der feindlichen Brüder droben über der Wallfahrtskirche. Und dann kam der Tag, an dem Vater und Mutter, wohl in Erfüllung eines Gelübdes, eine besondere Wallfahrt machten. Sie war wochenlang geplant und nun am Tage vor Christi Himmelfahrt, der noch in den Maimonat fiel, brachen wir auf - nicht in der dämmrigen Frühe freilich; die Eltern wollten diesmal am Nachmittag in der Wallfahrtskirche zur Beichte gehen und in Bornhofen übernachten. Die Sonne war schon aufgestiegen, als die Eltern mit mir über die Berge stiegen; und da sie einzig mich von den Kindern mitnahmen, möchte ich fast annehmen, dass ihr Gelübde mich selbst betraf. Doch sie haben mir darüber nie ein Wort gesagt. Auf dem Gang durch die Felder betete Vater laut den Rosenkranz vor. Die Mutter und ich antworteten. Aber den Abstieg zum Ehrbachtal und den Aufstieg auf die andere Bergseite machten wir ohne zu beten. Auf der Höhe schloss sich uns ein jüdischer Viehhändler an, ging ein Stück mit uns und sprach mit Vater über die Preise. Bei Herschwiesen bog er ab. Nun sprach der Vater die Lauretanische Litanei vor. Er konnte sie auswendig, und zum Schluss sangen wir ein Marienlied. Hinter Buchholz stand ein kleines Heiligenhaus. Dort hielten wir Rast. Auf einer Bank ließen wir uns nie der, und Mutter packte Kaffee, Butterbrote und Waffeln aus; diese waren wohl eigens für mich gebacken. Wohl selten hat mir ein Frühstück so köstlich geschmeckt. - Wir überquerten am Waldrand eine große Straße und bogen dann in den Wald. Bald ging es auf engem Pfad in eine Schlucht hinab. An einem Felsvorsprung nahm der Vater mich bei der Hand, führte mich zur Seite und sagte: “Da kannst Du den Rhein sehen.“ Und nun sah ich durch die Büsche: Im Morgenschein leuchtend zog der mächtige Strom mit vielen Schiffen dahin. Der Anblick war so überraschend und erregend, dass mir das Herz pochte. Ich brachte kein Wort über die Lippen. Aber nun sagte der Vater: “Sieh die großen Schiffe! Sie kommen weither: aus dem Niederland, aus den großen Städten Duisburg, Düsseldorf und Köln, und sie fahren bis zu den Städten Mainz, Mannheim und sogar bis Basel; das liegt schon in der Schweiz - einem fremden Land. Und dort gibt es gewaltig hohe Berge, die immer mit Schnee bedeckt sind. Nun läuteten drunten an Rhein die Glocken; ich hörte Züge rattern und Lokomotiven tönen. Wir eilten hinab und gelangten schon bald in die Stadt, von der man mir so viel erzählt hatte. Vater musste zu einem Eisenhänd1er und einem Metzger, der bei uns Vieh und Schweine aufkaufte. Mutter ging mit mir; sie kaufte der Schwester Kleider- und Schürzenstoff und mir ein Paar Schuhe. Dann trafen wir Vater an Rhein, wo er bei der Fähre schon auf uns wartete. Und nun fuhr ich zum ersten Mal über den Rhein. Ich sah die großen Schiffe, die auf und ab fuhren, ganz nahe, und Boppard, das nun drüben am Ufer lag, erschien mir mit seinen Türmen und großen Häusern als eine mächtige Stadt. Drüben trafen wir auf eine Schar von Pilgern, die betend rheinaufwärts zogen. Ihnen schlossen wir uns an. So kamen wir früh am Nachmittag bis Bornhofen. Wir traten mit den anderen Pilgern in die Kirche ein. Sie war schon voll von Betern; auch wir knieten bei dem Gnadenbild nieder, aber bald eilten die Eltern dann mit mir hinaus, um noch Herberge zu finden. Im engen Tal hinter der Kirche fanden dann die Eltern ein Gasthaus, in dem wir noch unterkamen. Dann aßen und tranken wir mit anderen Gästen zusammen an einen großen Tisch. Dabei fanden sich Pilger zu uns, die vom Westerwald gekommen waren. Sie hatten einen Buben und ein Mädchen bei sich. An sie hatte ich bald Anschluss gefunden, obwohl ihre Sprache mir schwer verständlich war. Und als die Eltern nun sagten, sie wollten noch zur Beichte gehen, meinte die Mutter dieser Kinder, die den gleichen Gang vorhatte: “Dann können die Kinder derweilen zum Rhein hinabgehen. Dort wird es ihnen nicht langweilig. Nach der Beichte holen wir sie ab.“ Meine Mutter hatte zwar Bedenken. Aber die Kinder waren älter als ich und schienen dem Vater zuverlässig genug, dass er mich mit ihnen ziehen ließ. So lief ich mit ihnen zum Rhein hinab. Wir wagten uns bis an die Wellen, warfen Steine ins Wasser, suchten am Ufer Muscheln, zogen zuletzt sogar Schuhe und Strümpfe aus und gingen soweit hinein, bis die Wellen uns zurück trieben. Das war ein erregendes Wagnis und machte uns viel Freude. Dabei riefen und winkten wir den Menschen auf den vorüberfahrenden Schiffen zu, und ich versäumte nicht, dies auf und ab von Dampfern und Kähnen genau zu betrachten, die Namen der Schiffe zu lesen und zu erspähen, was alles darauf vorging. Als gar ein großer, hellleuchtender Dampfer mit Musik herankam, jubelten wir auf und wagten uns soweit ins Wasser, dass die Wellen uns fast umgeworfen hätten. Dies war mein erstes Rheinerlebnis. Ich war ihm leibhaftig nahe gekommen, und ich habe diesen Tag nie vergessen. Doch in ihrer Sorge kam die Mutter nur allzu früh, wie mir schien, um mich von dem Wasser, das ihr gefährlich erschien, wegzuholen. Die fremden Kinder blieben noch. Mit dem Vater stieg ich danach noch ein Stück den Berg hinan. Er wollte mich bis zu den Burgen führen. Aber als es zur Abendandacht läutete, die Mutter ging wie der zur Kirche zurück, stieg auch der Vater wieder mit mir hinab, um zur Kirche zu gehen. - Früh ging die Mutter mit mir zu Bett. Vater aber blieb noch in der Gaststube, wo er Bekannte vom oberen Hunsrück und von der Mosel getroffen hatte. Als die Mutter mich am Morgen weckte, läuteten die Glocken, und im Gasthaus war schon reges Leben. Mutter gab mir schnell ein Butterbrot, das noch in ihrer Tasche war. Sie und Vater eilten dann, ohne Frühstück mit mir zur Kirche. Sie wollten zum Tisch des Herrn gehen. Das Brausen der Orgel und der Gesang von so vielen Menschen, die schon die Kirche füllten, hoben mir die Messe zu einer großen Feier. Doch die Sprache des Predigers klang mir so fremdartig, dass ich wenig davon verstand. Schon um die Mittagszeit machten wir den Weg bis zur Fähre von Boppard zurück. In einen Kaffeehaus, dessen Besitzer aus unserem Dorfe stammte, kehrten wir nochmals ein. Dann stiegen wir wieder auf engem steinigem Pfad zur Höhe hinauf, wobei ich immer wieder anhielt, denn der Anblick des mächtigen Stroms mit Schiffen, Stadt und Dorf und den Bahnen an beiden Ufern wollte mich nicht loslassen. Die Sonne sank schon, als wir ins Ehrbachtal hinabstiegen. Und siehe da: Schwester und Bruder hatten es nicht erwarten können. Sie waren auch uns - wie der großen Prozession - bis ins Tal entgegengekommen, und die Freude war auf beiden Seiten so groß, als wären wir von langer Reise heimgekehrt. |